Detlev Fock's Jazztherapie

Inhalt:

Prolog

Anmerkungen zum Unterricht

Lampenfieber

 

Prolog:

"Musik ist etwas Großartiges!" schrieb eine Freundin auf die Einladung zu einem Hausmusikabend.

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Vielleicht fällt mir doch noch etwas ein.

Zum Beispiel, daß Musikmachen zu den großen Herausforderungen zählt, denen man sich stellen kann. Ein Ton, der dem Instrument entwichen ist, kann man nicht zurückholen. Er dringt auch überall hin. Man kann wohl wegsehen, aber weghören nicht.

Ich habe manchmal den Eindruck, daß besonders schlaue Leute Physik oder Medizin studieren und diejenigen, die dort noch nicht an ihre Grenzen geraten, sich der Musikerkarriere zuwenden. Tatsächlich soll die Geschwindigkeit, mit der man Anschlagsbewegungen mit dem Zeigefinger vollziehen kann, direkt mit der Höhe des Intelligenzquotienten einhergehen. Also: Beweglicher Kopf, bewegliche Finger.

Den ehrgeizigen Müttern sei nun gesagt: Umgekehrt gilt die Beziehung nicht. Also: Mozartbeschallung von Foeten im Mutterleib schafft keine intelligenten Kinder (wahrscheinlich eher lärmphobische) und Klavierunterricht hebt den Intelligenzquotienten auch nicht nennenswert (um 2 Punkte).

Trotzdem bin ich der Meinung, daß alle Kinder Zugang zu Musikinstrumenten haben sollten. Sie erfahren dort sofortige Rückmeldung über ihr Tun, lernen dort also beiläufig, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, sie lernen, sich Schwierigkeiten zu stellen und sie zu bewältigen, lernen den Erfolg kontinuierlicher Beschäftigung mit einer Sache und üben die Kooperation mit anderen und auch, die Leistung der Anderen anzuerkennen zum Nutzen einer gemeinsamen Sache.

Jetzt könnte man sagen: Das hat man bei der Spielekonsole auch (außer vielleicht Punkt letzt, da geht es vor dem Bildschirm doch häufig eher darum, besser als der Andere zu sein, eine Eigenheit, die die Menschheit bisher nicht vorangebracht hat).

Stimmt. Aber ein Musikinstrument ist wirklich etwas für das Leben und es funktioniert im Allgemeinen ohne Strom. Den Zugang zur Musik verlernt man ebensowenig wie das Radfahren oder Schwimmen, die Handhabung der Instrumente vielleicht, aber das ist schnell reaktivierbar. Und nichts ist erholsamer in einer immer unkontrollierbar werdenden Welt, als sich 10 Minuten an sein Instrument zu setzen und bei einem kleinen musikalischen Problem weiter zu kommen. Man lernt aber auch das Scheitern. Manch eine Firma wurde von Einserkandidaten in den Ruin getrieben, die die Symptome des Begrenztseins nicht kannten.

Nun ist es nicht so, daß die Genies Berufsmusiker werden und die relativen Dummbatzen Physiker oder Mediziner. Es liegt auch etwas an der Neigung und Schwerpunktbildung. Ein Instrument bis zum Rande der Perfektion zu beherrschen kostet auch den größten Schlaufuchs Zeit und die verbringt man manchmal sogar besser mit Tätigkeiten, die schlichtweg Geld einbringen. Hans-Olaf Henkel überlegte sich, Saxophon zu studieren und ließ es besser (und nahm sein Saxophonspiel im Ruhestand wieder auf), August-Wilhelm Scheer wurde Informatik-Professor und Unternehmer und betreibt sein Saxophonspiel auf der firmeneigenen Bühne. Musiker entscheiden sich manchmal für die Sicherheit und das Studium und werden dann doch Arzt. Denn Geld verdienen kann man mit Musik kaum. Nur 2% der Künstler können von ihrer Kunst leben.

Der Stammvater des Englischen Rothschild-Zweigs, Nathan Rothschild, baute mit unglaublichem Geschick und Fleiß die Rothschild-Bank in London auf. Er lud gern zu Konzerten in sein Haus ein. Eines Abends stellte er sich vor das Publikum, klimperte mit einigen Münzen und sagte mit seinem Frankfurterisch gefärbtem Englisch: "Das ist die einzige Musik, die ich spielen kann, und sie wird manchmal unterschätzt."

So ist es wirklich. Man kann auch anders kreativ sein als mit Musik und ohne Geld ist die Kunst nichts. Ich kenne keinen Musiker, der nur von Luft und Liebe lebt, zwischendurch ein Butterbrot tut auch ganz gut. Also, wenn jemand das Glück hat und verdient ganz gut, sollte er es so machen wie Nathan Rothschild, sich Musiker einladen, sie vernünftig bezahlen und Spaß mit den Gästen haben. Beiläufig ist damit auch der Großputz erledigt, weil für die Gäste die Möbel gerückt werden müssen. Dann kann man darunter auch gleich wischen.

Wer es nicht so aufwendig treiben möchte, der zücke die Geldbörse bei Straßenmusikern.

Siehe: Man muß noch nicht einmal musikalisch sein, um die Musik zu fördern...

Anmerkungen zum Unterricht

Auch Erwachsene sollten sich an ein Instrument "wagen". Allein die Formulierung verrät ja Angst vor dem, was auf einen zukommt. Freudige Ereignisse braucht man nicht zu wagen. Jeder trägt sein Päckchen an negativen Lernerfahrungen mit sich herum, froh kann der sein, der auch positive hat. Aber man ist erwachsen und das ändert das Verhältnis zum Lehrer:

Der Lehrer ist ein Helfer, der mich berät, wie ich weiterkomme.

Der Lehrer ist ein Könner auf dem Instrument mit weitem Wissen, das ich anzapfen kann. Gerade grundlegende Fragen bringen mich dabei weiter.

Der Lehrer wird für die Zeit bezahlt, die er mit mir verbringt. Es macht nichts, wenn er mir Dasselbe zehnmal erklärt. Man lernt durch wiederholen.

Der Unterricht allein regt schon Wachstumsprozesse im Gehirn an. Durch üben kann ich die Wachstumsprozesse weiter anregen, muß es jedoch nicht.

Durch viel üben kann ich Wachstumsprozesse nicht endlos steigern. Es reicht die Übezeit, die ich erübrigen kann.

Ein Instrument zu erlernen ist eine Lebensaufgabe. Deshalb lohnt Ungeduld nicht.

Manchmal muß der Lehrer aber auch meckern. Vieles hört man nicht und nur ein Lehrer kann einem sachkundige Tips fürs bessere Spiel geben. Rubinstein hat sich Zeit seines Lebens einen geleistet, um einen objektiven Kritiker zu haben.

Lehrer müssen einem auch manchmal harte Nüsse zu knacken geben. Manchmal kommt man nicht von allein darauf, was man alles noch nicht kann.

Bei Lichte betrachtet gelten diese Regeln auch für Kinder...

 

Lampenfieber

Caruso soll vor Konzerten kaum von der Toilette gekommen sein und aller Jubel half nicht über sein Elend hinweg: Lampenfieber. Stan Getz, der mit 17 mit seinem Saxophon maßgeblich zum Familieneinkommen beitrug, erlebte schon früh die wohltuend vom Publikum abschirmende Wirkung von Marihuana, dem Beginn seiner Sucht, die ihn sogar ins Gefängnis führen sollte.

Horovitz weigerte sich, sein Bett zu verlassen und mußte samt Schlafstätte im Möbelwagen in die Psychiatrie gebracht werden. Danach nahm er sich eine zehnjährige Auszeit. Gibt es Alternativen? Frühberentung mit 18? Umsatteln zum Versicherungssachbearbeiter?

Betrachtet man sich die Lampenfiebergedanken genau, eröffnen sich schon andere Möglichkeiten: „Was wäre, wenn ich auf der Bühne einen falschen Ton sänge, dann würde das Publikum aufheulen, die Kritiker würden mich verreißen und meine Gesangspartnerin würde sich weigern, weiterhin mit mir aufzutreten. Meine Karriere wäre ruiniert.“ Alles Quatsch, aber Caruso glaubte ja nicht einmal dem Beifall, wieso sollte er annehmen, wir hätten recht?

Tatsächlich entspringen jedem Hirn „was wäre, wenn...“- Gedanken, ohne daß wir ihnen übergroße Bedeutung beilegten. Der Eingangsgedanke Carusos ist also vollkommen normal. Interessant ist, wie er damit umgeht: Er spinnt ihn weiter und billigt den Gedanken einen Realitätswert zu. Dabei sind Gedanken lediglich Gedanken ohne reale Substanz („Wenn ich beide Hände voll habe, machen mir meine Gedanken die Tür auf!?“) Der Trick besteht also darin, Abstand von den Gedanken zu nehmen, sich zu wundern, was zu denken ein Gehirn in der Lage ist und sich zu freuen, daß es sich bei dem Horrorszenario um reine Phantasie ohne prognostischen Wert handelt.

Also Gedanken nehmen, wie Wolken am Himmel oder Züge im Bahnhof, sie kommen und gehen. Das wahrzunehmen, kann man richtig üben, indem man sein Hirn beim denken beobachtet, ohne selbst aktiv zu steuern. Das reinste Kino!

Nichts gegen eine gute Vorbereitung, das ist etwas Reales. Sorgen rauben dagegen eher Zeit, sich gut vorzubereiten. Also weg damit. Nicht, was wir denken ist wichtig, sondern wie wir denken.

Caruso hat übrigens niemals einen falschen Ton gesungen. Hätte er mal machen sollen, irgendwo eine um einen Halbton verminderte Quinte, eine Bluesnote einschmuggeln. Das Publikum hätte geheult, die Kritiker ihn verrissen, seine Partnerin hätte ihn keines Blickes mehr gewürdigt und die Karriere wäre ohne Chance auf Wiederkehr beendet gewesen. Das wäre schlimm, aber es wird ja nicht besser dadurch, daß man sich zeitlebens davor sorgt. Es reicht, wenn man mit der Situation umgeht, wenn sie eintritt. Es kommt ohnehin anders, als man denkt.