Detlev Fock's Jazztherapie

Ein Satz mit Saxophon? "Sieh nicht meinen Sack so von der Seite an!"

Hier steht etwas Saxophöner, Üben und die Lust am Scheitern.

Mit dem Saxophonspielen habe ich als Erwachsener angefangen. Als Kind hatte ich erfolglos Klavierunterricht, als Jugendlicher habe ich mir selbst das Klarinettespielen beigebracht. Das reichte zumindest, den Marine-Shantychor im Hintergrund zu begleiten. Dann kam der Umzug in die Studentenbude und Schluß mit Lärmmachen. 25 Jahre später, mit dem Einzug ins eigene Haus, stand dem Krach nichts mehr im Wege und die Schlußszene aus Helge Schneiders Film "Praxis Dr. Hasenbein" sowie die Spielversuche meiner Nachbarin und lieben Freundin auf ihrem neuerworbenen Saxophon brachten mich dazu, meinem nie benutzen Jugendkauf, einem abgenutzen Altsaxophon, auf dem Dachboden nachzuspüren und mich in die Lernguppe meiner Nachbarsfreundin zu stellen.

Blöd ist der Spruch: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", gleich gefolgt von dem Gedanken, aufzuhören.

Das Gehirn ist eine Lernmaschine, die erst mit dem Tod aufhört, zu arbeiten. Jedes Erleben ist auch Lernen und das einzige, was man nicht erlebt, ist der eigene Tod (sagt Wittgenstein). Als Erwachsener weiß man, was man will und lernt so Einiges schneller als es Kinder tun. Hinderlich sind bei spätberufenen Geroinzipienten möglicherweise negative Schulerfahrungen und vielleicht auch die Schwierigkeit, sich aus der Höhe einer Fülle von gut entwickelten Fertigkeiten in die Tiefen des Nichtkönnertums zu begeben. Man hat das Bewußtsein verloren, wie langsam Lernen vonstatten geht.

Es gibt eine einfache Formel für musikalische Hochbegabung: 10.000 Stunden in 10 Jahren üben. Man kann auch schon früher Erfolg haben: Ein junger Mann, der mit seiner Gitarre einen Grammy gewann, berichtete, sich mit 14 spontan vorgenommen zu haben, vier Jahre lang täglich, auch am Geburtstag und zu Weihnachten, 4 Stunden zu üben. Das wäre eine Übespanne von ca. 20 Jahren, wenn man täglich eine Stunde übte und zwischendurch mal Pausen einlegte. Doch welcher Erwachsene kann täglich eine Stunde für sich und sein Instrument erübrigen!

Die Zielrichtung muß also eine andere sein, als bei Kindern (deren Eltern die 10.000 Stunden und so manches Weitere finanzieren). Man muß Spaß am Üben und den kleinen Fortschritten haben und darf nicht auf den Erfolg schielen. Das unterscheidet sich von der Strategie, die einem in der Schule nahegelegt wird, wenn man für die Klassenarbeiten arbeitet: Eine elende Schufterei mit ungewissem Ausgang.

Sinnvoller ist es, die kleinen Fortschritte zu wertschätzen ("Oh, den Übergang zwischen den beiden Tönen habe ich schon besser hingekriegt!") und sich dem stetigen Strom des Wissensfortschritt hinzugeben, der automatisch eintritt, wenn man sich anhaltend mit einer Sache beschäftigt. Und nicht nur das übt, was man ohnehin schon kann!

Gerade das Scheitern bietet ja die neue Herausforderung, diese Herausforderung anzunehmen sich mit ihrer Überwindung zu beschäftigen und zu merken, daß man weiterkommt, bedeutet ja Glück. Ein Glück, das einigen Hochbegabten, die weit gehen müssen, um an ihre Grenzen zu stoßen, versagt bleibt. Sie entwickeln keine Erfolgszuversicht.

Also: Gerade Normalbegabung ist die beste Voraussetzung dafür, Glück im Üben zu finden. Und Normalbegabung bedeutet, das eine oder andere Lied im Radio gut zu finden. Wirklich unmusikalisch sind die Allerwenigsten.

Einen guten Lehrer sollte man sich suchen, mit dem man sich versteht, der einen ermutigend bei den Lernfortschritten begleitet und einen vor Irrwegen bewahrt. Genau so wichtig: Das Instrument sollte von guter Qualität sein. Nur Könner können auf einem Gartenschlauch Trompete spielen! Mein erster Lehrer bemerkte leider nicht, daß mein altes Saxophon undicht war und über einige andere Mängel verfügte (weshalb es wohl der Vorbesitzer mir ahnungslosem Jungspund andrehte). Die Macken, die ich mir daraufhin angewöhnte, um passable Töne daraus zu produzieren, überfallen mich jetzt noch zwischendurch. Umlernen ist stets schwerer als neu lernen.

Zeit zum Üben zu finden ist als Erwachsener auch schwer: Nach der Arbeit ist man erschöpft, die Frau will geküßt und die Kinder gestreichelt sein, außerdem ist der Müll noch nicht unten. Wenn dann Zeit ist, ist es schon so spät, daß sich die Nachbarn zu Recht beschweren würden. Bleibt nur noch das Fernsehen.

Ich übe vor der Arbeit in meinem Büro. Mich hört niemand, ich bin noch frisch und nach dem Üben mit Erfolgen aufgeladen, mich kann am Tag nichts mehr erschüttern. Folglich geht die Arbeit auch besser von der Hand. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!

Nur Mut! Eine 80-jährige kam zu einem Musiklehrer und wollte Klavier lernen. Es stellte sich heraus, daß sie eine vier Jahre ältere Schwester hatte, die mit 6 begann, Klavier zu lernen und später Opernsängerin wurde. Als die jetzt 80-jährige ihrerseits begann, mit 6 Klavier zu üben, war die ältere Schwester ihr um vier Jahre voraus und der Vorsprung blieb, so daß die Jüngere irgendwann entnervt aufgab. "Nun ist meine Schwester tot, jetzt kann ich!"

Was die Art, sich das Musizieren zu erwerben, angeht, bin ich zurückhaltend, eine Methode als die beste zu benennen. Als Jugendlicher habe ich mir mal Klarinette beigebracht ohne Grifftabelle und habe mich naßforsch mit rudimentären Kenntnissen zu einer Jazzcombo auf die Bühne gestellt. Das kann man nur mit einem gerüttelten Mangel an Selbstkritik, über den man eben nur als Jugendlicher verfügt.

Als Erwachsener habe ich mir vorgenommen, das Instrument "richtig" zu lernen. Letztlich kann ein Musiklehrer nur Anregungen geben und jeder muß für sich herausfinden, was weiter bringt. Lernen findet nicht linear aufsteigend statt, sondern eher als Inselwissen und man arbeitet an einer Vergrößerung der Inseln in der Hoffnung, daß sie weiter zusammenwachsen.