Detlev Fock's Jazztherapie

Wenn meine Tante Frank Sinatra hört, sagt sie: "So'n Jazz mag ich, aber nich so 'ne Dschiddelmusik!" und meint damit die aufregenderen Musikgangarten. Hat Jazz etwas mit Jüdischkeit zu tun? Zumindest gibt es viele gute jüdische Jazzmusiker. Woody Allen spielt ja regelmäßig Klarinette in seiner Combo. Einige sagen, seine Auftritte wirkten so, als hätte sein Psychoanalytiker sie ihm verordnet...

Untersuchen wir das mal. Aber zunächst der

Inhalt:

1. Jazz ist international

2. Jazz ist rhythmisch

3. Jazz ist vielfältig

4. Jazz ist gegenwärtig

5. Jazz ist wissenschaftlich

6. Jazz ist spannungsreich

7. Jazz ist individuell

8. Jazz ist hierarchiefrei

9. Jazz ist meistens Gruppenmusik

10. Jazz ist grenzüberschreitend

11. Jazz kommt überall vor

Schlußbemerkung

 

1. Jazz ist international

Traditionell achten Jazzmusiker nie auf die Herkunft ihrer Mitmusiker und scherten sich nicht um irgendwelche Schranken, die Andere gern aufgebaut haben möchten. Im Gegenteil, andere Einflüsse werden gern aufgenommen und musikalisch verwertet.

Jazz ist international, wie das Judentum seit seiner Geburt vor 2500 Jahren, als überall im fast die ganze antike Welt umspannenden persischen Reich monotheistische Gemeinden aus dem Boden sprossen. Nach Judäa, einem damaligen Zentrum des Monotheismus, wurden deren Mitglieder dann zusammenfassend Juden genannt. Man muß sich die Entstehung ähnlich vorstellen wie die Entwicklung des Protestantismus. Der Begriff „Volk“ fiel so, wie John Cleese im „Leben des Brian“ bei der Steinigung fragt: „Ist dort auch Weibsvolk?“ Erst später entwickelte dieser Begriff eine Eigendynamik.

2. Jazz ist rhythmisch

In der Rhythmik spielen sicherlich die afrikanischstämmigen Musiker eine wichtige Rolle, wenn ihnen auch der Rhythmus nicht „im Blut liegt“, wie so gern behauptet wird. Alles eine Lernsache. Und wenn bestimmte rhythmische Traditionen über Generationen fortgeführt werden, fällt das Anwenden nicht so schwer. Böse nur, wenn diese Tradition unterbrochen wird. Ein Hamburger mit afrikanischen Vorfahren mag dann so daherkommen, wie man es Hamburgern gern nachsagt: Etwas ßteif.

3. Jazz ist vielfältig

Gab es seit Beginn des letzten Jahrhunderts bis in die 50er Jahre eine fast lineare Entwicklung des Jazz, schieden sich spätestes mit dem Freejazz der 60er Jahre die Geister und es gibt nun viele Strömungen, die nebeneinander stehen. In den 70er Jahren gab es sogar ein Dixieland-Revival.

Überraschend ähnlich verlief die Entwicklung des Judentums. Schon früh gab es viele verschiedene Strömungen, eine davon waren die Jesusanhänger. Jetzt existieren liberale Gemeinden neben orthodoxen. Einige tragen eine Tracht mit Hut und Mantel, beharren auf der Trennung von Mann und Weib und sind in etwa so repräsentativ für Juden wie bayrische Seppeln in Krachledernen für alle Deutschen.

4. Jazz ist gegenwärtig

Es soll Jazzmusiker geben, die schreiben sich ein Solo und üben es kräftig ein, ehe sie es spontan auf der Bühne produzieren. Das sei dem Erfolgsdruck geschuldet, aber der Ursprungsidee entspricht das nicht. Normalerweise erfindet man auf der Bühne eine neue Melodie zu den alten Akkorden und Teil des Spaßes des Publikums ist es, an dem Schaffensprozess teilzuhaben. Es zählt der Moment, nicht das Danach.

Ein Jenseits gibt es im Judentum auch nicht, Leben passiert gegenwärtig und jegliches Handeln hat selbstverantwortlich zu geschehen, mehr oder weniger geregelt durch eine Unmenge ethischer Gebote und z.T. traditioneller Verbote. Die Folge ist ein sehr bewußtes Wahrnehmen der eigenen Handlungen und ihrer Konsequenzen mit dem Vorteil, daß man Murks bereuen und spätestens in den 10 Tagen um das jüdische Neujahr herum wieder geradebügeln kann, damit es keinen negativen Einfluß auf die jüngste Gerichtbarkeit nimmt.

Jazzmusikern bleibt nur zu sagen: „Das war aber eben sehr abenteuerlich!“

5. Jazz ist wissenschaftlich

Jazzmusiker sind neugierig: „Was spielt der Kollege da? Da war eine Super-Tonfolge, die klang gut, die will ich auch übernehmen! Und welche komische Tonleiter spielt der auf den Akkord? Klingt ganz schön frisch! Ahh, dieser Ton, wie macht der das?“ Es wird abgekupfert, was das Zeug hält und trotzdem klingt es anders, wenn es jemand Anderes spielt. Jazzmusiker setzen sich vor den Plattenspieler und schreiben Note für Note auf, was sie dort hören, sie transkribieren. Die Jazzharmonik, also sozusagen die Grammatik des Jazz, ist inzwischen so umfangreich, daß sie ein knapp 600 seitiges Buch ohne überflüssige Wörter füllt. Dabei gleicht das Vorgehen den Sozialwissenschaften (die ihre methodische Schärfe bei den Physikern abgeschaut haben): Musiker machen etwas und Musikforscher versuchen, herauszufinden, warum das so gut klingt.

Methodisch tut sich da nichts mit der jüdischen Herangehensweise an die Bibel. Wenn die beginnt: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde...“, wartet man gespannt darauf, wann denn nun Eva aus der Rippe Adams geschnitzt wird. Ein Rabbiner fragt sich: „Warum steht da „...den Himmel und die Erde“ und nicht „...die Welt“? Unter der Prämisse, es handele sich um Gottes Wort (und nicht um eine um 500 v.Chr. in Babylon geschriebene ethische Grundverfassung der Monotheisten), hat jedes Wort seine Bedeutung und wird im Kontext anderer Bibelstellen analysiert.

Wir sind da schnell bei Sigmund Freuds psychoanalytischer Herangehensweise mit den berühmten Freud'schen Versprechern („Tagesordnung 5: Entlassung des Vorstandes“ statt „Entlastung“) oder dem scharfsinnigen Vorgehen Peter Falks als Detektiv Columbo. Ganz dem wissenschaftlichen Diskurs verpflichtet, stehen verschiedene Deutungsmöglichkeiten nebeneinander, wie ein Blick in den Talmud verrät, einer Sammlung rabbinischer Bibeldeutungen, die den Menschen im vorderen Orient vor ca. 2000 Jahren praktische Lebenshilfe geben sollte: „Wenn ich ein Zehntel des Ertrages meines Ackers an die Gemeinschaft abgeben soll, gilt das auch schon für die erste Ähre?“ Dabei steht es jedem frei, sich selbst an der Hirnakrobatik zu beteiligen. Deshalb lernten jüdische Kinder in der Synagoge lesen und schreiben, so daß im Jiddischen „Schul“ synonym für Synagoge steht.

Also weg mit Dr. Kawashoggis Hirnjogging auf der Spielekonsole und hin zum Rabbiner, Bibeldeuten oder doch lieber die harmonischen Funktionen in „Stella By Starlight“ analysieren?

6. Jazz ist spannungsreich

Jazz entsteht im Zusammenspiel der Musiker. Sind die Themen häufig noch gefällig, geht die Post ab in der Improvisation. Dort sagt jeder Musiker seine Meinung und wenn man hinhört, folgt auf ein aufgeregtes Statement des Trompeters die beschwichtigende Ruhe des Saxophonisten, der mit einigen schnellen Läufen deutlich macht, daß er auch anders kann. Zum Schluß spielt man wieder das gemeinsame Thema – wie im richtigen Leben. Die Tonwahl ist so, daß auch zwischen den Tönen Spannungen entstehen, die dann aufgelöst werden um zu neuen Spannungen zu führen. Jazzmusik hat also Vieles von einem konstruktiven Streit.

Israeliten heißt wörtlich übersetzt: "Die, die mit Gott streiten". Hier wird also Tacheles geredet und zur Meinung eine Gegenmeinung erwartet. Wie konstruktiv das eingesetzt werden kann, zeigte Edward Teller, der Erfinder der Wasserstoffbombe: Er hatte sein Büro neben dem Labor seiner Assistenten und es war üblich, daß er die Tür aufriß und irgendeine Behauptung in den Raum schleuderte. „Teller, Du bist meschugge!“ riefen dann die Assistenten. „Beweist es mir!“ rief Teller zurück und eine neue Forschungsidee war geboren.

Aber auch die „jüdische Skala“ gibt es im Jazz : Als spannungsgebende Variante zum Dominantsept-Akkord spielt man die 5. Stufe von harmonisch Moll (z.B. C Db E F G Ab Bb C). Versucht es einmal auf dem Klavier: Links F A C E als Grundakkord, rechts die jüdische Skala. Was klanglich alles möglich ist!

7. Jazz ist individuell

Der Abend läuft gut, die Combo swingt, man steht auf der Bühne und spielt sein Solo, da schießt es in den Kopf: „Du könntest jetzt mal versuchen, was ganz Schräges zu spielen...“ und der Versuch geht in die Hosen, man weiß plötzlich nicht mehr, wo im Stück man sich befindet und überhaupt, wo fängt der Takt an? „Oh, Gott,“ denkt man, „schick' einen Erlöser!“ Da kann man lange warten, denn aus der Situation muß man sich selbst befreien. Nett ist es dann, wenn der Schlagzeuger die „Eins“ betont und der Bassist und der Pianist die Akkorde deutlich spielt, so daß man wieder den Anschluß findet. Das ist der Nachteil. Der Vorteil ist, daß man sich als Solist mit seiner eigenen Art zu spielen schon nach dem dritten Ton zu erkennen geben kann.

Den Glauben an einen Erlöser gibt es nur im Christentum. Wenn Juden vom „Messias“ sprechen, denken sie eher an das Sinnbild für eine bessere Welt, nicht an eine Person. Der Messias ist eine rein geistige Kategorie. Der Glaube an eine Person, der man zu folgen hat und die Welt wird besser, ist der jüdischen Vorstellungswelt fremd. Sie entspricht gleichwohl dem menschlichen Bedürfnis, die Selbstverantwortung abgeben zu können, so daß es auch in der jüdischen Geschichte mehrere Messiasse gab. Jesus war lediglich einer von ihnen. Allerdings setzten sich die Christen mit einer am römischen Militär orientierten hierarchischen Organisationsstruktur durch.

8. Jazz ist hierarchiefrei

Man redet wohl von Gerry Mulligan-Quintett oder von Art Blakey & the Jazz-Messengers, oder davon, daß Sonny Rollins mit 83 immer noch auftritt und immer besser wird, aber wenn es eine Hierarchie in der Combo gibt, dann doch eine sehr flache. Jeder weiß, daß er auf den anderen angewiesen ist. Ein Saxophon ohne Begleitung klingt nur bei Fleißmäusen wie Sonny Rollins gut, auf die Dauer wäre das aber doch selbst mit ihm nervend. Beginnt einer zu dominieren, geht das meist nicht lange gut und die Zusammenarbeit wir eingestellt, wie es bei Miles Davis und John Coltrane geschah (oder Dieter Bohlen und Thomas Anders, aber das ist was anders).

Im jüdischen Zusammensein gibt es nur einen Vorgesetzten, Gott. Aber sonst? Rabbiner werden von der Gemeinde als Ratgeber eingestellt und bezahlt und auch wieder entlassen, für die Liturgie sind sie nicht notwendig. Sie sind ethische Ratgeber, aber wie das so ist mit Ratschlägen, man muß sich nicht an sie halten. Das Einzige, was droht, ist, daß man in der jüngsten Gerichtsprüfung durchfällt. Das will man nicht und deshalb strebt man nach Erkenntnis. Machtstreben lohnt nicht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es so viele jüdische Kulturbeiträge gibt.

9. Jazz ist meistens Gruppenmusik

"Die Musiker und der Schlagzeuger dürfen sich jetzt ein Bier von der Bar abholen!"

Dabei ist der Schlagzeuger der wichtigste Mann in der Band, er bestimmt die ganze Atmosphäre und ist das lebende Metronom, der Bassist gibt der Band den harmonischen Halt. An die beiden hängen sich die Anderen und gemeinsam wird's was. Und ein gutes Baß- oder Schlagzeugsolo kann den Saal zum Toben bringen. Das appelliert an unsere musikalischen Grundwurzeln, den Rhythmus. Und tatsächlich gibt es die rhythmischen Ein-Ton-Soli, allerdings weniger im Jazz, eher in der Rock-Musik. Die bringen es aber nur, wenn die Anderen im Hintergrund den rhythmischen Begleitlärm erzeugen.

Wollen Juden einen Gottesdienst, brauchen sie 10 Erwachsene dazu, die Minian. Einige jüdische Strömungen bestehen sogar auf die Geschlechtszuweisung und bevorzugen eine reine Herrencombo. Ein Priester ist nicht nötig. Gemeinsam wird's was. Wächst man ohne Gemeinde in der Nähe auf, kann man als Erwachsener wahrscheinlichnur Komödiant werden, wie Oliver Polak. Gemeinde, zusammen sein und häufig feiern ist ganz wichtig.

10. Jazz ist grenzüberschreitend

Jazzmusiker haben sich noch nie streng an irgendwelche Konventionen gehalten. Weder an Rassentrennungsgesetze in den USA noch an Besetzungskonventionen von Bands, noch an harmonische Konventionen. Schon die Urmutter des Jazz, der Blues, mixte in der Blues-Tonleiter Moll- und Dur-Töne zusammen. Wynton Marsalis sahnte erst einige Preise für klassische Trompete ab, ehe er sich der Jazzmusik zuwandte und Charlie Parker, der die Grenzen der damaligen Jazzharmonik durchbrach, interessierte sich für Schönberg und die 12-Ton-Musik. Wo es Grenzen gibt, werden sie gern ausgeweitet oder überschritten und dem Publikum neue Töne zugemutet. „Rhythmische Dissonanzen“ und „Kuriosum“ war in den 50er Jahren noch eine nette Darstellung der Jazzrezeption.

Mit solchen respektlos wirkenden grenzüberschreitenden Zumutungen machte sich die Juden schon in ihrer Frühzeit unbeliebt. Als Monotheisten beteten sie nicht den üblichen Götterhimmel an und schon gar nicht den gottgleichen Herrscher, so daß schon der persische Wesir Hamam seinem König vorschlug, die Juden auszurotten. Dessen jüdische Frau Esther stimmte ihn um und stattdessen ging es Hamam an den Kragen. Noch heute wird zum Purim-Fest, dem jüdischen Karneval, eingedenk dieser Rettung soviel geschickert, daß man den Namen „Hamam“ nicht mehr deutlich aussprechen kann. Das impertinente Selbstdenken wurde beibehalten, leider halten auch gestörte Leute ihre Vernichtungsphantasien bei.

11. Jazz kommt überall vor

„Jazz ist nicht tot, er riecht nur eigenartig,“ meinte Frank Zappa. Damals experimentierte er mit Jazzrock. Aber es swingt immer noch allerorten. Die Betonung auf dem „Offbeat“ findet sich im Hiphop mit dem Rap genauso wie im Ska. Und Udo Jürgens „Sechsundsechzig Jahre“ swingen ebenso. Die moderne Musik ist undenkbar ohne Jazz.

Wenn wir demokratisch wählen, diskutieren, andere Meinungen gelten lassen, auf Tierschutz achten und uns am liebsten vegetarisch ernähren, die Umwelt schützen, weil wir nur diese eine Welt haben, wir der Meinung sind, daß sich niemand herausreden könne, er sei zu einer Missetat angestiftet worden und somit unschuldig, wenn wir Ehrgeizlinge, die niemanden neben sich dulden, kritisch beäugen und uns lieber den netten Strebsamen zuwenden, denen es um die Sache und nicht um sich selbst geht, wir Chefs mögen, die auch die Ideen der Angestellten gern anhören, wir nett zu unseren Nachbarn sind, dann verhalten wir uns schon sehr jüdisch.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb Diktatoren die drei großen "J" nicht mögen: Jazz, Juden und Jokes. Tatsächlich wurde der Jazz schon als subversive Waffe eingesetzt. Im Amerikanischen Außenministerium soll der Spruch umgegangen sein: „Schicken wir nach Rußland den Außenminister oder Louis Armstrong?“ Man schickte den Jazzmusiker und der hatte einen riesigen Erfolg. Vielleicht begann der Mauerfall mit einem Jazzkonzert in Moskau.

Eigentlich logisch, daß in jedem Woody-Allen-Film Jazzmusik läuft.

 

Schlußbemerkung

Bleibt nur noch anzumerken, daß dieser Beitrag so unwissenschaftlich ist, wie alles auf  Jazztherapie.de. Allenfalls wissenschaftlich ist die Skepsis gegenüber generellen Zuweisungen von Eigenschaften zu Gruppen. Im Zweifelsfall gilt immer das Gesetz des rheinischen Katholizismus: "Dat Prinziep, dat hom wa verstahn!" Jeder macht sich in gewisser Weise seine eigenen Regeln.

Also: Jazzmusiker haben keine besonders scharfen Augen, Juden keine großen Ohren und Katholiken keinen besonders großen... was weiß ich. Wenngleich es auf den Einen oder Anderen im Einzelfall zutreffen kann.

Auf jeden Fall hilft Fleiß und Üben beim Erfolg. Auch das nicht immer. Es gibt immer noch Autoren, die mit Eigenschaftszuweisungen eine Menge Geld verdienen. Nicht damit gemeint sind Autoren, die differenzierte Kritik an der Außenpolitik von Staaten mit einer bestimmten Staatsreligion üben. Kritisiere ich die Außenpolitik des Vatikans, bin ich nicht Antikatholik. Dies sei aus gegebenem Anlaß hinzugefügt.